Auch ich schätze Intuition und ganzheitliches Denken, bin mir der Rolle der Persönlichkeit des Traders bewußt und habe dazu auch eine ganze Reihe von Posts geschrieben. Wenn ich gefragt werde, wie ich die Dinge im Trading ordne, dann nenne ich meist in folgender Reihenfolge:
- Psyche,
- Risiko-Management,
- Money-Management, wobei ich dessen Subsumption unter Risiko-Management auch akzeptiere, ebenso wie einen Extra-Punkt Trade-Management,
- Exit,
- Entry.
Die Psyche spielt selbst dann eine wichtige Rolle, wenn alles völlig wissenschaftlich betrieben wird, weil es ja wenigstens eine Präferenz für die Beschäftigung mit gerade diesem Fachgebiet geben muß. Und dann spielen, wie bei jeder anderen erfolgreich ausgeübten Tätigkeit auch, Fleiß, Ausdauer, Disziplin, Lernbereitschaft, Entscheidungsfreudigkeit, Realismus und all die vielen anderen nötigen Charakter-Eigenschaften eine Rolle. Dabei kann die nötige Ausprägung und Gewichtung etwas unterschiedlich sein, je nachdem ob man mehr systematisch oder mehr diskretionär handelt, mehr automatisch oder mehr manuell, mehr der ausführende Trader, mehr der Analytiker oder mehr der Programmierer ist.
Im Laufe der Zeit neigen alle immer mehr untersuchten Gebiete zur Verwissenschaftlichung, selbst wenn sie ursprünglich sehr wissenschaftsfern betrieben wurden, sogar dann wenn das Kerngebiet gar keine Wissenschaft zuläßt. So ist selbst purer Humbug einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich, zwar nicht seine nur Aussage-ähnlichen unsinnigen Gespinnsel, aber z. B. das Umfeld in dem er betrieben wird und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Spätestens, wenn Dinge in großem Maßstab (quasi-)industriell durchgeführt werden, ist eine wissenschaftliche Begründung des Fachgebietes für ausreichende Prozeß-Stabilität und die richtigen Ansatz-Möglickeiten für ökonomische Optimierungen notwendig, da bedingt durch den großen Maßstab selbst kleine Details sehr große Auswirkungen haben können.
Durch die mit den hohen Hebeln zustande kommenden hohen Umsätze und die starke Computerisierung des Handels werden industrielle Maßstäbe vielleicht viel früher erreicht bzw. erforderlich, als die meisten Hobby-Trader das aus ihrer Sicht einschätzen. Das gilt insbesondere in Anbetracht des Faktes, daß auf der Gegenseite des Trades in der Regel Profis mit (quasi-)industrieller Vorgehensweise stehen, gegen die man auch noch einen Edge erzielen möchte.
Möglicherweise (?!) würde also ein kompetentes Trading-Forum sich gar nicht allzu sehr von einem Programmier-Forum unterscheiden, zumindest ist das erforderliche Maß an Detail-Genauigkeit und objektiv-kühlem Abstand zum ausgeführten Prozeß ähnlich. Bloß leider mangelt es in Trading-Foren darin im Durchschnitt der Beiträge an beidem. In einem Programmier-Forum bekommt man bei so schlechter Vorbereitung darauf nur die Antwort
RTFM (oder auch mit lesenswerter lustig gemeinter anderer
Bedeutung).
Schaut man sich hingegen in der Profi-Landschaft um, so wird man bei Stellen-Angeboten neben den typisch kaufmännischen Vertrieblern und Controllern Unmengen von zum Teil sehr spezialisierten Qualifikationen aus Informatik und Naturwisenschaft nachgefragt sehen. Wenn die gleichen Aufgaben auch oder sogar besser mit Bauchgefühl gelöst werden könnten, würde die Branche alleine schon aus Effizienz-Gründen auch diese "Qualifikation" nachfragen, aber der Trend geht eindeutig in Richtung zu immer mehr Wissenschaft und IT.
Wie sehr einem eine wissenschaftliche Vorgehensweise beim Trading hilft, hängt sicherlich auch vom Trading-Stil ab, aber um das wirklich zu vergleichen, müßte schon wieder die Wissenschaft ran, um überhaupt mal sinnvolle Vergleichs-Kriterien aufzustellen.
Wenn die Renditen nicht deutlich über mehrere Jahre die Spitzenplätze der besten Verwalter toppen, wäre es ökonomisch oft sinnvoller sein Geld diesen zu geben. Wenn aber die Renditen deutlich höher liegen, stellen sich sofort die Fragen nach Risiko und Nachhaltigkeit - und da liefert die Wissenschaft auch interessante Einsichten, z. B. die auf Frage wie sich Strategien unterscheiden müssen, die einen möglichst langfristigen stabilen Gewinn oder den maximalen Gewinn über eine begrenzte Periode erwirtschaften sollen. In diesen Fragen sind die meisten privaten Trader in ihrem Lern-Prozeß aber mehrfachen Änderungen ihrer genauen Ziele unterworfen, so daß für eine Gegenüberstellung wirklich vergleichbarer Dinge bei vielen Tradern gar nicht genug Daten vorhanden sein könnten.
Trading selbst ist keine Wissenschaft, aber man kann - wie überall woanders auch - Wissenschaft nützlich einsetzen, um besseres Trading zu betreiben. Durch mehr, dann aber auch richtig angewandtes! Wissen wird jede nicht der reinen Romantik dienende Tätigkeit besser, Wissenschaft ist ja kein Selbstzweck.
Die in wesentlichen Teilen auch von mir mitgetragene Argumentation bzgl. der Psyche läuft übrigens zu größten Teilen ins Leere, wenn die Kompetenzen und Verantwortungen institutionell getrennt werden. So kommen dann auch völlig konträre Meinungen, wie z. B. (übrigens von mir nicht uneingeschränkt befürworteten) Larry Williams zustande, die meinen Psycho-Bla-Bla brauchen nur die, die kein funktionierendes Handwerk drauf haben.
Als Fazit sage ich mal, daß man sehr darauf achten muß, für welche genaue Trading-Aufgabe man welche Prämisse, notfalls auch mit sehr hohem Aufwand, haarfein untersuchen muß.
Für viele Dauer-Loser (bei denen ich Fisch übrigens eher nicht vermute) gilt übrigens, daß sie lieber fatalistisch über Gott und die Welt lamentieren, statt auch nur irgendwas zu untersuchen oder mit harmlosen Positions-Größen zu üben. Da steckt dann Denk- und Lern-Faulheit dahinter, was dann wieder eine psychische Frage ist.
Das Thema ist also mit seiner Reflexivität sehr spannend.