In Bezug auf eine im Gold-Thread angefangene
Diskussion (und folgende 20 Posts) antworte ich Folgendes:
@ ibelieve
Mit dem verständigen Beobachter meine ich Leute, die das Machbare vom Wünschenwerten mit ordentlichen state-of-the-art-Methoden trennen können.
Es geht dabei nicht so sehr um die innere Arbeitsweise eines einzelnen Handelssystems, was ja oft für Dritte gar nicht ausreichend offen gelegt wird. Aber selbst ganz normale Grundfragen, z. B.
- wie lange eine Trading-Tätigkeit überhaupt mindestens beobachtet werden muß, um darüber eine sinnvolle Aussage machen zu können (1 Trade ist sicher völlig aussagelos für die System-Performance, 100 Jahre zu lang, um es zu erleben),
- was der richtige Performance-Maßstab ist (die Rendite ohne Risiko-Betrachtung ist es z. B. nicht),
- was ein brauchbares Risiko-Maß ist (die übliche Volatilität ist zwar rechnerisch ganz einfach, aber berücksichtigt nicht nur das für den Trader schädliche Down-Side-Risk und skaliert nicht richtig über der Zeitachse, da der Hurst-Exponent nicht beachtet wird),
- was neben dem rein theoretischen im Nachhinein vollständigen Spitze-zu-Spitze-Trading-Ergebnis oder der groben Perioden-Range ein sinnvoller Vergleichsmaßstab ist,
- durch welche Prinzip-Ideen nachweisbare Wahrscheinlichkeits-Verbesserungen von Markt-Prognosen durchgeführt werden können, wie diese widerspruchsfrei begründet und einzeln gemessen werden, u. ä. Fragen
Solange man sich nicht mal den Basics emotionsfrei stellt, ist es sehr unwahrscheinlich, daß hochraffinierte Gedanken-Gebäude darüber gut funktionieren, gleich ob sie wissenschaftlich oder esoterisch sind.
Das Beharren auf absoluter Wissenschaftlichkeit, welches bei mir sehr oft angenommen wird, bringt es da in den Grundannahmen auf dem jetzigen Stand der ökonomischen Einzelwissenschaft übrigens auch nicht immer auf ein wirklich seriöses Niveau. So kann in den bekanntesten Modellen, die von Gleichgewichtssuche und gut funktionierender Arbitrage ausgehen, eigentlich nicht mal vernünftig erklärt werden, warum überhaupt Trades zustande kommen. Modelle, die den Faktor Mensch mehr in den Mittelpunkt stellen, erklären zwar manche Phänomene qualitativ, sind aber für eine praktische Nutzung im Trading nicht ausreichend quantifiziert.
Der verständige Beobachter ist einer, der bei all den ihm bestens vertrauten Unsicherheiten immer noch in der Lage ist, aus Beobachtung nicht nur einer isolierten Erscheinung aus der eigenen Erfahrung überinstitutional und extrapersonal ein brauchbares Urteil zu fällen. Dabei spielt z. B. bei in Foren oft mal aufs Geradewohl herausposaunten Super-Techniken die sofortige routinemäßige Einbeziehung von Fremdvergleichen, Durchschnittswerten, Grenzfällen, Fortschreibungen, Gegenpositionen, logischen und methodischen Fehlern etc. eine große Rolle, die weniger Erfahrene weder leisten noch in ihrer ganzen Wichtigkeit erkennen können.
Der in seine eigene Idee verliebte Trader und noch mehr der vom künftigem Reichtum träumende Nicht-Trader, sind in solchen Betrachtungen durch ihren persönlichen Bias keine in jeder Hinsicht maßgeblichen Diskussions-Teilnehmer sondern zum großen Teil eher Beobachtungsobjekte.
Das mag sich wieder extrem überheblich anhören, aber auch der Arzt, der Anwalt und genauso auch die Putzkraft und der Gefängnisaufseher haben nicht selber das Problem, an dessen Lösung bei anderen Menschen sie mitwirken. Auch dort gehört es zum üblichen Verfahren, ihre Hinweise viel zu häufig zu ignorieren oder gar offen dagegen zu opponieren.
Das Trading ist bei weitem nicht der einzige Lebensbereich mit extremen Grauzonen. Egal wo man hinsieht, können die selbstverständlichsten Dinge so hinterfragt werden, daß sich vieles sicher Geglaubte völlig ins Nichts auflöst.
In allen Lebensbereichen ist es typisch, daß was der eine als erhebliche Herausforderung oder gar hochtraumatische Erfahrung wahrnimmt, von erfahreneren Leuten in Sekunden in wohlbekannte Kategorien eingeordnet werden kann, egal wie schlimm das für den Betroffenen ist.
Dieser weitgehend Außenstehende, der die brutalen Wahrheiten ausspricht, ist der Beobachter.
Die Prinzipien des Trading-Systems sind für diese Betrachtung egal und daher kann jeder treiben, was er denkt, so es ihm hilft. Nach übereinstimmender Definition der oben genannten Begriffe (und noch vieler weiterer mehr), kann dann aber über dem System die objektive Evaluation erfolgen. Da kann der betroffene Trader gar nichts hinzudeuten und es geht nur um realisierte Fakten.
Ohne ein solches Evaluations-Kriterium ist das Einzige, was dem Trader bleibt, der Glauben an sich und seine Methode, mit einem solchen Kriterium bekommt er aber eine echte belegte Aussage. Das heißt auch nicht, daß irgendwer seine Resultate offenlegen muß, sondern nur, daß es ohne einen Beurteilungs-Maßstab und die richtige Methode, ihn dann auch anzulegen, nicht geht. (wobei nicht ins andere Extrem verfallen werden sollte, alle Dinge die derzeit nicht ordentlich meßbar sind, nicht wenigstens durch eine ganzheitliche qualitative Sicht beurteilen zu wollen.)
Selbstverständlich gibt es aus vielen Gründen Systeme, die sich schwer testen lassen. Trotzdem können und sollen auch diese im Vornherein auf Plausibilität untersucht werden und im Nachinein kann man sich bei jedem System der bangen Frage stellen, ob es was taugt oder wenigstens brauchbare nachnutzbare Teil-Ideen enthält.
Daß nicht alles Kapital in noch weniger Händen gebündelt ist als ohnehin schon, zeigt, daß es selbst bei den Leuten, die alle Potentiale und Ressourcen haben, objektive Grenzen ihrer Möglichkeiten gibt.
Daraus kann der kleinere Trader bei richtiger Erkenntnis seiner Möglichkeiten sowohl Vorteile ziehen, indem er Dinge macht, die so großen Markt-Teilnehmern nicht möglich sind (z. B. sich andauernd an eine Bewegung als Parasit ranzuhängen), als auch seine Grenzen erkennen, indem er akzeptiert, was er prinzipiell nicht kann, sei es aus theoretischen, technischen, rechtlichen, kapitalmäßigen Gründen etc.
Ansonsten ist diese Frage nach der Akkumulation und Konzentration des Kapitals eine sehr gute Frage und tendenziell mit endlichen Konzentrations-Geschwindigkeiten trifft die Annahme auch zu, wobei es aber auch wieder zyklisch wiederkehrende hausgemachte oder externe Schocks gibt, die über Jahrzehnte ausgebaute Top-Positionen binnen Kurzem zerrinnen lassen, weil das kapitalistische System als solches in einem weit über den wünschenswerten Innovations-Druck hinausgehendem Maß zur Destabilisierung beiträgt.
@ MB/8
Auch die Frage nach der Technischen Analyse als Humbug hat es besonders schwer in sich. Ein Ökonomie-Nobelpreis-Träger (habe gerade das Buch nicht bei der Hand, um zu sagen, wer es war) hinterfragte sie z. B. überhaupt nicht inhaltlich, sondern ging andersherum von der empirischen Tatsache aus, daß sie häufig angewandt wird, und wahrscheinlich nicht alle Leute wahnsinnig sind, die sie betreiben.
Die Frage ist doch: Was hat man sonst? (abgesehen mal von der Fundmentalen Analyse, die sich erst mal toll anhört, aber eher noch weiter daneben liegt, insbesondere weil ja allen potenten Mitspielern im Mittel die gleiche Information zur Verfügung steht)
Hier muß ein Kompromiß geschlossen werden zwischen völligem Blindflug und fadenscheiniger Orientierung, die im Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten einen mininmal positiven Erwartungswert herausholt und sei es nur in der Anregung der Phantasie des Traders für ein unbewußtes Element, welches in der eigentlichen Methode gar nicht explizit richtig beschrieben wurde.
Es gibt aber für Leute, die mit einem Vorsprung vor dem meist als state-of-the-art gesetzten Mainstream (der ja streng genommen, wenn er Mainstream ist, schon mindestens von vorgestern ist) systematisch kleine Vorteile für sich erzielen können.
Wie man gedanklich an eine dauerhafte Hinterfragung des als vermeintlichen state-of-the-art gesetzten Mainsteams herangeht, zeigt
Ken Fisher in seinem schon mal besprochenen Buch. Dort werden nicht so sehr die brennendsten Fragen für einen Daytrader beantwortet, aber eine exzellente Einführung in Hinterfragung als ganzheitliche Kultur für einen Markt-Teilnehmer gegeben. Ist zwar nicht ganz so flüssig zu lesen, aber mir hat es gut gefallen, weil es ein Füllhorn von Anregungen liefert, die in Teilen durchaus auch für sehr kurzfistig agierende Markt-Teilnehmer nicht uninteressant sind.
Mehr auf das Daytrading bezogenene Anregungen liefert
Larry Williams in seinem ebenfalls schon mal besprochenen Buch, obwohl er in einigen Fragen polarisierende Ansichten vertritt.
Ansonsten spielt unabhängig vom Wissensstand sehr viel Training und hart erarbeitete Erfahrung eine ganz wichtige Rolle, die kaum durch etwas anderes ersetzt werden kann. Dabei ist es ganz egal, ob sie sich auf die reine Screen-Time eines manuellen Daytraders, die Zahl geplanter Trades eines längerfrsitigen Investors oder die Zahl getesteter Systeme eines Entwicklers bezieht.