Hexensabbat - Mythos und Wahrheit
ftd.de (21.09.07) - Kurse schlagen wild nach oben oder unten aus, Privatanleger verlieren den Durchblick, Händler versprühen hektische Nervosität - diesen Eindruck haben viele vom dreifachen Hexensabbat, dem großen Verfallstag an den Börsen. Wahr ist: Wer kurzfristig investiert, kann wirklich sein böses Erwachen erleben.
"Hexensabbat" wird er gerne genannt, der große Verfallstag an den Börsen, weil an diesen Tagen die Kurse scheinbar verhext sind. Ursprünglich bezeichnete der Begriff die regelmäßige Zusammenkunft von Hexen mit dem Teufel an geheimen Orten. Die Teilnahme an einem solchen Hexensabbat galt zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert als wesentlicher Grund, jemanden der Hexerei zu bezichtigen.
Der sogenannte dreifache Hexensabbat wiederholt sich an jedem dritten Freitag im Monat am Quartalsende, also im März, Juni, September und Dezember. Nun ist es wieder soweit. Hintergrund: An diesen Tagen verfallen an der weltweit größten Terminbörse Eurex zur Mittagszeit gleichzeitig die Futures und Optionen auf den Dax und abends Optionen auf Einzelaktien - daher auch die Bezeichnung dreifacher Hexensabbat. Die Standardlaufzeiten der Terminkontrakte betragen drei, sechs und neun Monate. Für Optionen auf Aktien und Indizes ist sogar ein monatlicher Verfallstag festgesetzt, ebenfalls am dritten Freitag.
Höherer Umsatz am Hexensabbat
Marktteilnehmer wollen ihre Geschäfte möglichst erfolgreich abschließen. Dementsprechend versuchen die Investoren, an diesem Tag die Kurse in die von ihnen gewünschte Richtung zu bewegen, um Optionen oder Futures in die maximale Gewinnzone zu bringen. "Die Handelsintensität an diesen Tagen nimmt deutlich zu", sagt ein Sprecher des Deutschen Aktien-Instituts. "Die Handelsvolumina auf Tagesbasis sind tendenziell höher als an durchschnittlichen Börsentagen", sagt auch ein Sprecher der Deutschen Börse.
Das bestätigt ein Blick in die Statistik: Die Umsätze an den großen Verfallstagen lagen im untersuchten Zeitraum - in den vergangenen fünf Jahren - stets deutlich über den Tagen vor und nach dem Hexensabbat, oft betrugen sie gar das Zwei- oder Dreifache. Die Steigerungsraten zum Vortag lagen zwischen 48 und 218 Prozent. Mengenbedingt erhöhe sich auch die Tagesvolatilität, sagt Thomas Körfgen, Gesamtstrategieleiter bei SEB Asset Management.
Eindeutige Auswirkungen auf die Kursentwicklung lassen sich jedoch nicht feststellen: So lag der Dax in den vergangenen fünf Jahren an 14 Verfallstagen im Plus und an acht im Minus - mal mit und mal gegen den Gesamttrend des Marktes. Lediglich am 21. März 2003 gab es mit plus 4,2 Prozent einen heftigen Kursausschlag. Das hatte jedoch politische Gründe: Berichte von neuen Bombardierungen im Irak und Gerüchte über den Tod Saddam Husseins hatten bei Anlegern die Hoffnung auf einen raschen Sieg der USA geweckt.
Wie Spekulanten am Verfallstag auf die Nase fielen
Anleger sollten den Verfallstag jedoch nicht unterschätzen. "Wer kurzfristig anlegt, sollte aufpassen und solche Tage nicht außer acht lassen", sagt Aktienstratege Andreas Hürkamp von der Commerzbank. Beispielsweise seien Put-Spekulanten am kleinen Verfallstag im August schon einmal auf die Nase gefallen, als die Federal Reserve Bank vor Börsenbeginn die Senkung des Diskontsatzes bekannt gegeben hatte. Dadurch seien über Nacht viele Put-Optionen wertlos geworden: "Reich ins Bett gegangen und arm wieder aufgewacht", fasst Hürkamp zusammen.
Auch in den vergangenen Wochen sind nach Beobachtung Hürkamps außergewöhnlich viele Verkaufsoptionen gekauft worden. Für diese Investoren könnte es gut sein, dass die Kurse rutschen. "Es gibt immer Kräfte, die versuchen, die Märkte an solchen Tagen herunterzuziehen", sagt Hürkamp. "Wer auf fallende Kurse spekuliert, kann schnell auf dem falschen Fuß erwischt werden", sagt auch Körfgen. Letztendlich könne der Hexensabbat aber nur kurzfristig für Irritationen sorgen, bis zum folgenden Montag oder Dienstag hätten sich die Bewegungen wieder geglättet.
"Geordnete Schlachtpläne, um einen großen Index wie den Dax in die eine oder andere Richtung zu drehen, sind heute nicht mehr drin", sagt Postbank-Analyst Heinz-Gerd Sonnenschein. Dazu seien sowohl die Märkte als auch einzelne Titel wie etwa Eon oder Siemens mittlerweile zu groß.
Dennoch sollten sich vor allem Privatanleger am Hexensabbat vorsehen, rät das Deutsche Aktien-Institut: "Wer kann, sollte seine Investments möglichst ein paar Tage aufschieben." / von Björn Maatz (Hamburg)
(Quelle:
http://www.ftd.de/boersen_maerkte/marktberichte/255781.html?p=1)