Das mit dem "Risiko" ist ein schönes, weil nicht genau quantifizierbares, Entschuldigungs-Argument für die Ausbeutung. Selbst wenn bestimmte Anteile des Unternehmer-Lohns auch eine Vergütung für ein Risiko beinhalten können, erklärt das nicht automatisch die Berechtigung exzessiver Ausbeutung. Übrigens könnte bei einer besseren gesamt-gesellschatlichen Abstimmung das Risiko deutlich minimiert werden, bei gleichzeitig höherem betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Output.
Sozialismus ist durchaus eine nicht gleich per se vollkommen unrichtige Alternative, aber dann bitte keiner mit dem orientierungslosen Gequatsche vermeintlicher Linker, sondern einer der die schon seit langem gesamt-gesellschaftliche Qualität der Produktion auch gesamt-gesellschaftlich verantwortlich organisiert. Daß eine Herrschaft einiger weniger Mega-Eigentümer über ganze Volkswirtschaften nur auf Grund ihres Eigentums richtig oder gar die optimale Organisations-Form sein soll, kann ja wohl niemand ernsthaft glauben, der nicht nur völlig unreflektiert seine ihm eingebläute Sozialisierung wiederkäut.
Die Abqualifizíerung des Sozialismus ist gleich mehrfach falsch. Zum einen ist eine einzige konkrete Implementierung einer richtigen Idee, die in der praktischen Umsetzung noch mängelbehaftet war, überhaupt kein Zeichen dafür, daß die Idee im Prinzip nicht funktionieren kann. Wieso sollten 5.000 Jahre Klassen-Gesellschaft da überlegen sein, die in Kriegen, Bürger-Kriegen, Umstürzen und diversen anderen Katastrophen ja wohl auch nie so richtig funktioniert hat?
Zum zweiten stellt sich die Frage, wer denn schlechter abschneidet, der Ost-Block, der die eigenen Menschen so sehr geachtet hat, daß er das Feld doch schon ziemlich harmonisch räumte oder der US-Imperialismus, der einfach mal der ganzen Welt erklärt, daß es für seine wertlosen Papier-Schnipselchen nichts mehr gibt und den Goldschalter schließt, um einige Jahrzehnte später sogar ganze Regionen in (noch dazu eher verlorerene) Kriege zu stürzen, nur weil sie ihre Wirtschaft nicht für diese wertlosen Schnipselchen auslieferten.
Zum Dritten stellt sich die Frage, wie weit die heutigen Wirtschafts-Ordnungen mit erheblichem Staats-Einfluß und um die 50 % Staats-Quote überhaupt von vielen sozialistischen Elementen weit entfernt sind. Für die vielen kleinen Eigentümer spießerter Kleinst-Bürger-Lädchen wird die Fiktion einer kapitalistischen Wettbewerbs-Ordnung aufrecht erhalten und mit den vielen absichtlich eingebauten bürokratischen und anderen Hemmnissen wird ihnen das Gefühl gegeben, daß ihr noch so kleines und gesamt-wirtschaftlich eher unbedeutendes Eigentum Ausdruck einer großen persönlichen Leistung sein könnte. Für die wirklich bestimmenden großen Kapitale gelten aber völlig andere Regeln, wo fast alles in diversen dubiosen Gremien ausgekungelt wird und wirklich freier kapitalistischer Wettbewerb doch eher meilenweit entfernt ist.
Wer voreilig meint, da wieder eine tief rote Gesinnung heraus zu hören, lese bitte vorher in einem VWL-Buch über die unterschiedlichen Formen des Agierens von Oligopolen nach. (Ein geeigneter Wikipedia-Einstieg könnte da z. B., als beliebig heraus gegriffen, weil er mir gerade namentlich einfiel und ich mir mal nicht die Mühe gemacht habe, bis zu einer systematischen Ober-Kategorie weiter zu klicken, der
Stackelberg-Typ sein, wo man einfach nur den Links folgen muß.) Das steht nun gerade nicht in roten Büchern, sondern in jedem Standard-VWL-Buch.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie verblendet und verlogen man sein muß, die doch eher moderat und meist sogar konstruktiv-kollegial geführten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Ostblock im Vergleich mit den permanenten Attacken der bürgerlichen Prügel- und Folter-Polizeien, der Militär-Kamarillas und anderer Dunkel-Männer einfach mal per se als besonders verwerflich darzustellen.
Da ich selber in der DDR Opfer war, kann ich durchaus sagen, daß die Stasi-Büttel nach meinem Dafürhalten durchaus an die Sache des Sozialismus und die zentrale Bedeutung der Interessen des Menschen im Mittelpunkt geglaubt haben, und bei ihren Ausführungs-Handlungen (Gewalt-Anwendungen hießen in den Gauck-Akten übrigens "einfache polizeiliche Maßnahmen") ganz bestimmt nicht sadistisch sondern eher in einem großen inneren Zwiespalt waren. Dem gegenüber denkt der bundesdeutsche Beamte nur an seine persönlichen Motive, wie Job-Sicherheit und Pension, da es ja gar keine gemeinsamen gesamt-gesellschaftlichen Visionen gibt.
Eines der perversesten und miesesten Machwerke war der - prompt mit einem Oscar belohnte - Sudel-Film "Das Leben der Anderen" eines Jung-Autors, der die Zustände sich selber zusammen gesponnen hat, da er sie mit seiner Jugend gar nicht mehr selber kannte. Darin wird ein total krankes Bild der sozialistischen Persönlichkeiten gezeichnet, die in Wahrheit nicht nur mit dem Munde zuallererst der Gesellschaft dienen wollten. Die Stasi-Leute waren nämlich keine miesen Persönlichkeits-gestörten Perverslinge, sondern ganz normale Leute, die nach durchaus sehr anspruchsvollen Kriterien ausgesucht wurden.
In Wahrheit waren die Dinge im DDR-Sozialismus völlig anders. Bei den diversen Problemen des Alltags, die für jede Gesellschaft ganz normal sind, konnte man sich vielmehr ohne Hintergedanken als heute an seine Vorgesetzten wenden. Wenn da einer einen schlechten Charakter hatte, gab es in Form von Partei-Funktionären schon massive Korrektive. Dem gegenüber kann man sich heute nur auf das Abenteuer eines Rechtsstreits einlassen mit völlig unvorhersehbarem Ausgang und sehr langem Zeit-Horizont (manchmal sogar Jahrzehnte). In der ganzen DDR gab es weniger Anwälte als heute in jedem Stadtbezirk, weil der Rechtsstreit als konfrontative Lösung eben gerade nicht das Ziel war.
Bevor Leute, die überhaupt nicht wissen, wie es war, meinen, sie lebten in der besten aller Welten, merke ich mal an, daß der durchschnittliche Bürger heute gar keine Chance hat, bei Kleinigkeiten zu seinem Recht zu kommen, da die großen Institutionen ihn einfach eiskalt abblitzen lassen (was auch nicht etwa Einzelfälle sind, sondern das Geschäfts-Modell ganzer Branchen) und der Rechtsweg viel zu große Kosten-Risiken hat.
Die Leute sind also lange nicht so frei, wie sie sich einbilden, wenn bei ihnen gerade Alles glatt läuft. Sie werden aber staunen, wie schnell sich bisher ihnen völlig unbekannte Feinheiten zu existentiellen Bedrohungen auswachsen können - und sie dann völlig alleine dastehen. Um das mitzubekommen, braucht man nur die diversen Fernseh-Sendungen a'la Akte oder Frontal 21 zu sehen, obwohl man da nur die aller-oberste und wohl-dosierte Spitze des Eisberges sieht, die nicht etwa von revolutionären Kämpfern für die Sache der Bürger vorgetragen wird, sondern als Teil des Systems, welches vorgaukelt, daß es selbst für schwierigste Probleme gute Lösungen gibt, was aber selbst dort nicht immer zutrifft und wenn überhaupt, dann nur für die zufällig zum Aufbau des Glorien-Scheins dieser Sendungen Auserwählten, obwohl oft Hundert-Tausende betroffen sind, für die aber Alles beim Alten bleibt.
Auch ohne in Ostalgie verfallen zu wollen, sage ich mal voraus, daß das Frohlocken über den vermeintlichen "Sieg auf ganzer Linie", den das Groß-Kapital für sich beansprucht, auf ganz dünnen und zerbrechlichen Füßen steht und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit viel schneller vorbei sein wird, als sich die Meisten zu träumen wagen.
Normalerweise sollte die Zeit bis zu einem nächsten Versuch einer erneuten Implementierung einer sozialistischen Ordnung min. zwei Generationen dauern, damit die Defizite und Härten, die damit verbunden waren, ganz aus dem historischen Gedächtnis getilgt sind. Das Groß-Kapital treibt es aber in seiner abenteuerlichen Verquickung von gleichzeitiger Raffgier bei kopfloser Konzept-Losigkeit soweit, daß möglicherweise nicht mal eine Generation vergehen muß. Die aktuelle Krise des Euro bzw. die allgemeine Schulden-Krise fast aller westlichen Staaten sind ein Ausdruck dafür und aus jedem der schon Bürgerkriegs-ähnlichen Prügel-Orgien der losgelassenen Büttel könnte sich ungeahntes Eskalations-Potential ergeben. Manchmal erscheint es schon so, als ob es geradezu darauf angelegt wird, zu schauen, wie weit man es noch treiben kann, aber das Sprichwort vom "Krug, der solange zu Wasser geht, bis er bricht" wird auch dieses Mal seine tiefe Wahrheit beweisen.