zweiter teil
Es ist mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen, dass unser politisches Personal mit Bismarckscher Weitsicht, Blücherscher Kühnheit und strategischer Planung diese Situation Deutschlands gezielt herbeigeführt hat. Wir hatten lange genug die Gelegenheit, die Loyalitäten sowie die Kompetenz und Weitsicht unserer Eliten zu studieren. Obwohl den Spitzenpolitikern die Sachlage sicherlich bewusst ist, werden sie sie eher versucht haben, selbige zu verhindern. Woran sie aber offensichtlich auch gescheitert sind.
In eine solche Situation kommt man aber genauso sicherlich nicht aus purem Zufall und Ungeschick. Wenn niemand Interesse an einer potenziellen Wirtschafts-Supermacht Deutschland hätte, bedürfte es keines großen Aufwandes, genau das zu verhindern. Wem also nützt es, Deutschland direkt vor das Siegertreppchen zu bugsieren?
Erinnern wir uns: Es ist genau ein halbes Jahr her, dass der panische Hühnerhaufen EU in mehreren Nacht- und Nebelsitzungen den Euro retten musste. Die Hysterie um Griechenlands unmittelbar bevorstehenden Staatsbankrott drohte das ganze schöne Euro-Projekt komplett zu zerreißen. Weitere Bankrottkandidaten gerieten ins Fadenkreuz, besonders Spanien war plötzlich an den Anleihemärkten in Not. Der über die Medien und an den Märkten breit platzierte Angriff kam, wie auch der spanische Geheimdienst ermittelte, aus den USA – unter Mithilfe Englands.
Der daraufhin notdürftig zusammengenagelte Schutzschirm von 750 Milliarden ist ein Potemkinsches Dorf (wobei man damit dem genialen Potemkin Unrecht tut). Woher im Ernstfall das Geld kommen soll, weiß eigentlich niemand. Die EZB müsste eine schöne Aufführung orchestrieren, bei der sorgfältig vertuscht würde, wie viel davon monetisierte Staatsanleihen sind und welches Land angeblich wie viel beiträgt, wobei an allen Ecken und Enden verbogen und gelogen werden müsste, denn das könnte man den jeweiligen Bevölkerungen gar nicht zumuten, ohne einen Aufstand zu riskieren. Kein EU-Land kann sich weitere Mega-Bailouts leisten, auch Deutschland nicht.
Dennoch ist daraufhin Ruhe eingekehrt. Erstaunlich. Auch heute, obwohl Irland verzweifelt kämpft, steigt der Euro gegen den Dollar. Ein Wunder? Am 3. Oktober 2010 meldeten die Nachrichtenagenturen, der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao betonte zu Beginn seiner zweitätigen Reise nach Athen, China habe griechische Staatsanleihen gekauft. Und China werde das auch in Zukunft tun.
Ein eher beiläufiger Bericht in den Medien. Na, so was. Skurril, diese Chinesen. Wer kauft schon griechische Staatsanleihen? Die Antwort lautet: Jemand, der sehr, sehr weitsichtig und kühn, leise, umsichtig und schlau plant.
China saß auf Unmengen von Dollarreserven, musste in der Vergangenheit eine Kröte nach der anderen von den USA schlucken und kämpfte einen zähen Währungs- und Wirtschaftskrieg gegen die Amerikaner. Aber man nutzte die Zeit und investierte die Dollarreserven überall in der Welt in kostbare Rohstoffe, Land, Agrargüter und Edelmetalle. Der beste Weg, die Dollars sinnvoll loszuwerden. Und es lag im Interesse Chinas, Europa gegen die Währungsangriffe der USA zu unterstützen. China hatte die Möglichkeit, entweder zuzusehen und hohe Verluste für seine Investments in Euro hinzunehmen, oder seine Dollarreserven zu benutzen und gleichzeitig loszuwerden, um den Gegner USA gleichzeitig entscheidend zu schwächen.
Die Vermutung liegt nahe, dass China all die Euros aufgekauft hat, die die USA und England auf den Markt geworfen hatten, um den Euro ins Bodenlose zu stürzen und den Finanzkrieg gegen die Eurozone zu gewinnen. Für die USA war die Eurozone zum scharfen Konkurrenten auf dem Anleihemarkt geworden. Das Kapital hat ein großes Sicherheitsbedürfnis, und der Dollar verlor gegen den Euro. Die Investoren trugen ihr Geld nach Europa. Die Fed war dadurch immer mehr gezwungen, US-Staatsanleihen zu kaufen und zu monetisieren. Der Euro wurde zur ernsthaften Konkurrenz, und der Status des Dollars als Weltleitwährung begann zu wackeln.
Und die USA hätten mit einem Schlag gegen die Eurozone die Position Chinas schwächen können. Ist Europa ruiniert und zerfallen, fällt ein wichtiger Markt für China weg. Den Markt USA kann man durch Einfuhrzölle gegen China abriegeln – was ja bereits begonnen hat –, und China hat über Nacht mehr als ein Problem.
Das Aufkaufen des auf den Markt geworfenen Euros war der Königsweg, den Dollar loszuwerden und durch die Stabilisierung der Eurozone die USA empfindlich zu treffen. Das Raubtierrudel musste den Rückzug antreten. Wenn China also öffentlich kundtut, griechische Staatsanleihen zu kaufen, darf man davon ausgehen, dass China demonstrativ Europa stützt, indem es dem schwächsten Glied symbolisch unter die Arme greift und die Räuber verscheucht.
Wir bekommen gerade eine öffentliche feierliche Einladung präsentiert, unser Welt-, Feind- und Verbündetenbild zu überdenken. China macht Europa und in erster Linie Deutschland auch im Namen von Russland einen Antrag. Und zeigt uns deutlich, wer unsere Interessen teilt. Wenn China offen einen Antrag macht, meint es das ernst. Darum setzt China auch da an, wo der Antrag ganz sicher nicht abgelehnt werden kann. Ein Gesichtsverlust wäre nicht hinnehmbar.
Die Deutschen haben seit 60 Jahren so sehr verinnerlicht, dem »Westen« anzugehören, und dort unterwürfig, aber warm und sicher unter den Fittichen des großen Bruders USA zu hocken, dass eine andere geopolitische Vorstellung in ihrer Wahrnehmung gar nicht existiert. Amerika hat verständlicherweise kein Interesse, das zu ändern.
Das Image Chinas, Russlands und des Irans ist erfolgreich über Jahrzehnte von den USA auf »Schurkenstaaten« getrimmt worden. Niemand, der bei Verstand ist, würde behaupten, sie seien in Wirklichkeit die barmherzigen Brüder vom reinen Herzen. Besieht man sich aber einmal die Leistungsbilanz Im-Kriege-Anfangen, Unterdrücken und Ausbeuten, muss sich die USA keineswegs verstecken. In der Disziplin »Versklavung der Weltbevölkerung durch Kredit«, besonders der eigenen Bevölkerung, sind sie in jedem Falle Weltmeister.
Den Europäern, ganz besonders den Deutschen, fällt es schwer, umzudenken und das Undenkbare zu wagen. Die Deutschen haben in allererster Linie das Bedürfnis nach Sicherheit. Sie hassen Experimente. So jemand ist berechenbar und leicht zu lenken.
Könnten China und Russland – dieses wissend – Deutschland in die heutige Situation bugsiert haben, in der es zwangsläufig gar nicht anders handeln kann, als irgendwann zur Wiedereinführung einer eigenen Währung zu greifen? Frankreich als zweite große europäische Macht würde ebenfalls sofort nachziehen. Die anderen müssten folgen.
Dadurch zögen sich Deutschland, aber auch Frankreich aus den bereits dargelegten Gründen unvermeidbar den Zorn der USA zu. Deutschland, Frankreich und Europa brauchen dann starke Verbündete mit validen gemeinsamen Interessen. Interessanterweise haben uns China und Russland gerade eindrucksvoll vorgeführt, dass sie einen nicht einmal offiziell verbündeten Iran gegen die Kriegsgelüste Amerikas und Israels wirkungsvoll schützen können.
Das Experiment der Globalisierung und der Weltregierung unter der Schirmherrschaft der Weltfinanzelite ist gerade dabei, unter schrecklichen Opfern in einer finalen Katastrophe zu scheitern. Der Gegenentwurf, die Eurasische Kooperation, ist sicherlich auch mit Vorsicht zu genießen. Aber es gibt sehr klare, gemeinsame Interessen, die jeden Tag deutlicher werden.
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