"Früher" (ohne einen konkreten Zeitpunkt nennen zu können) kennzeichneten gegenseitige Offenheit und Kontaktfreude das gesellschaftliche Klima. Kleinere Konflikte wurden im Sinne der "guten Nachbarschaft" im Dialog und unter Rücksichtnahme auf den anderen beigelegt. Ich sage nur: "Wo kein Kläger, da kein Richter". Ein friedliches Miteinander bildete den Kern des Zusammenlebens. Zunehmende Individualisierung des Lebens höhlt diese Kultur Schritt für Schritt aus und drängt den Staat als Inhaber des uneingeschränkten Machtmonopols ins Zentrum der Konfliktlösung. Damit der Staat, bzw. in diesem Fall der Richter, weiß, wie er im Einzelfall zu entscheiden hat, müssen die Parlamentarier ihm erst entsprechende Gesetze in die Hand geben.
Diese Entwicklung erklärt, warum immer mehr Gesetze immer detaillierter in unser Leben eingreifen. Wo ausuferndes "Rechthabenwollen" auf konzentrierten Individualismus trifft, sieht sich der Gesetzgeber quasi gezwungen, für alles und jeden eine Regelung zu geben. Das ist beileibe kein rein deutsches Problem! Man beachte die ungezügelte Regelungswut Europas. Nun werden die ersten darüber streiten, ob in dem einen oder anderen Einzelfall eine gesetzliche Regelung sinnvoll ist oder nicht, begeben sich bei dieser Fragestellung jedoch wieder an den Anfang dieses Artikels.
Ein Gesetz entsteht da, wo sich irgendjemand im Unrecht sieht und staatlichen Schutz sucht. (Hier vielleicht der kleine Kiosk, dem es nicht gestattet war, an einem Feiertag etwas zu verkaufen, weil sich sonst Arbeitnehmer in ihrem Recht auf einen Ruhetag betrogen sehen, ...).
By the way: Mein Großvater kannte im Dorf etliche Leute, auch die, mit denen er nicht unbedingt befreudet war. Aber man grüßte sich auf der Straße und plauschte ab und an miteinander. Heute kennen viele nicht einmal mehr den Namen des eigenen Nachbars.