Grad nen netten Artikel auf wissen.de gefunden, gibt Futter gegen Schröder und gegen alle Volkswirte. Eine Bestätigung für mich, warum man Fundamentaldaten getrost in den Müll klopfen kann
Wunder Wachstum
Bislang tun Deutschlands Experten so, als wüssten sie, wie eine Wirtschaft aus der Krise zu holen ist. Dabei haben Ökonomen davon im Grunde keine Ahnung, wie einige jetzt einräumen. Des Rätsels Teil I.
Wenn es um Reformen geht, sind deutsche Wirtschaftsexperten stets eifrig dabei. Dann werden radikale Umbrüche im Steuersystem gefordert. Oder Kopfpauschalen und Deregulierungen. Nur in einem wirken die meisten auffällig zurückhaltend: wenn es darum geht, wie schnell und wie stark die Reformen wirken - und wann sie den versprochenen großen Wachstumsschub bringen. Dann ist meist von langen Zeiträumen die Rede. Und davon, dass das ja so genau nicht vorherzusagen sei.
Was nach vornehmer Bescheidenheit klingt, könnte sich jetzt als bittere Wahrheit herausstellen. Darauf deutet eine spektakuläre Studie von drei renommierten Harvard-Professoren hin.* Die lässt beängstigend daran zweifeln, dass Ökonomen Ahnung haben, wann und warum eine Wirtschaft boomt; und was dazu nötig ist - oder eher schadet.
Modelle wechseln mit hohem Tempo
Nach gängigem Verständnis sind die ökonomischen Vorbilder klar: Mal dürfen im deutschen Fernsehen nette dänische Geschäftsleute sagen, warum ihr Land toll ist. Mal sind es die Schweden, früher auch die Holländer, und ganz früher die Japaner - dazu die Amerikaner und Briten. Die Zweifel kommen bei näherer Betrachtung. Denn was dänische Werber natürlich nicht sagen, ist, dass bei ihnen mehr als 50 Prozent Abgaben zu zahlen sind - und das Land damit nach orthodoxer Ökonomie eigentlich gar nicht wachsen dürfte. Rätselhaft. In Großbritannien begann umgekehrt der Boom erst 15 Jahre nach den großen Reformen der Thatcher-Zeit - warum nicht früher?
Die Modelle scheinen schneller zu wechseln, als die Experten mitkommen. Vor kurzem noch jubelten Reformpäpste über Holland, das jetzt in tiefer Rezession steckt. Die japanische Wirtschaft hörte auf zu wachsen, ohne dass Ökonomen das vorher gemerkt hatten; umgekehrt boomte in den 90er Jahren ganz ohne große Reformen Amerikas Wirtschaft, die noch Ende der 80er Jahre in tiefen Selbstzweifeln und Defiziten versunken war.
Das Phänomen hat es in sich, wie die Ökonomen Ricardo Hausmann, Lant Pritchett und Dani Rodrik herausfanden, als sie die Performance von mehr als 100 Ländern über fast fünf Jahrzehnte auswerteten: Seit Anfang der 50er Jahre gab es rund um den Globus mehr als 80 Fälle, bei denen das Wachstum vorher kriselnder Volkswirtschaften plötzlich um mehrere Prozentpunkte anzog und das Tempo sich über acht Jahre hielt. Zu einem Fünf-Jahres-Wunder kam es gar in 125 Fällen.
Schon das widerspricht der Standardlehre, wonach gut strukturierte Volkswirtschaften gegen Krisen gewappnet sind. In Wirklichkeit gebe es "nur sehr wenige Länder, deren Wirtschaft über mehrere Jahrzehnte kontinuierlich stark gewachsen ist", schreiben Hausmann, Pritchett und Rodrik: "Typischer ist, dass sich Wachstum, Stagnation und Rückfall abwechseln." Nur warum? Hier beginnt das noch größere Dilemma für die Experten.
Die Harvard-Ökonomen testeten mühsam, was bei jenen Ländern, die plötzlich stark wuchsen, in der Zeit vor dem Aufbruch anders war als bei den anderen. Danach geht höheres Wachstum zwar relativ oft mit starkem Export, hohen Investitionen, Regimewechseln und der Öffnung von Grenzen und Märkten einher. Positiv scheinen grundsätzlich auch starke Abwertungen der eigenen Währung.
Der Haken ist, dass sich der Zusammenhang jeweils als recht locker erweist: Manchmal zieht die Erklärung, meistens nicht. Selbst alle ökonomischen Standard-Erfolgsfaktoren zusammen können demnach "nur einen Bruchteil" der tatsächlichen Wirtschaftswunder der vergangenen Jahrzehnte erklären.
Nur in fünf Prozent aller Fälle führten stark positive wirtschaftliche Einflüsse von außen zum Wachstumsschub. Gleiches gilt für gerade einmal 13,6 Prozent aller politischen Regimewechsel. Die Liberalisierung von Finanzmärkten hatte positive Effekte - die rasch nachließen. Besonders brisant: Selbst die Öffnung von Volkswirtschaften samt marktwirtschaftlicher Reformen blieb in den weitaus meisten Fällen ohne große Wirkung. "Kaum jedes fünfte Mal haben Reformschübe tatsächlich zu schnellerem Wachstum geführt", sagt Ex-Weltbank-Chefökonom Hausmann.
Wirtschaftswunder meist ohne Reformen
Laut Standardlehre hätte es in neun von zehn Fällen gar nicht zum Wachstumswunder kommen dürfen. Das erklärt, warum es die Experten oft so unvorbereitet traf - "für die Ökonomen Anlass zu größerer Bescheidenheit", so Hausmann. Dies gilt zumindest für jene, die gerne behaupten, das ja allen klar sei, was zu tun ist. Vieles spreche dafür, dass Wachstumsschübe durch kleine und (landes-)eigene Änderungen ausgelöst werden.
Für den Kanzler könnte das zum Desaster reichen. Zwar treffen die brisanten reformpolitischen Schlüsse der Studie nur bedingt auf Deutschland zu, weil hier zum Beispiel die Grenzen längst offen sind. Laut Hausmann dürfte das Ergebnis dennoch ähnlich ausfallen und auf andere Reformen übertragbar sein. Und das würde bedeuten, dass der Kanzler derzeit unter hohen Verlusten Reformen durchzusetzen versucht, die orthodoxe Ökonomen zwar täglich vorbeten, die den Wachstumsgott aber mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit unbeeindruckt lassen werden.
Das Schöne ist, dass die Statistik auch Positives birgt. Da es weit mehr Wunder als Fälle radikaler Reformen gibt, sei es eben falsch, dass für große Erfolge unbedingt ebenso große Brüche nötig seien, so die drei Professoren. Statistisch gebe es Wachstumswunder sogar so oft, dass die Wahrscheinlichkeit für jedes Land bei eins zu vier liege, innerhalb von zehn Jahren ein solches zu erleben. Fein.
Vielleicht können wir Deutschen ja geltend machen, dass wir schon drei Jahrzehnte mit dem Wachsen ausgesetzt haben.
[SIZE=7]Copyright Financial Times Deutschland[/SIZE]