Da bietet sich das Zitat von Marx' 11.
These zu Feuerbach an: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden
interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu
verändern." Unabhängig von der weltanschaulichen Ausrichtung, kann wenigstens diesem isolierten Satz auch jeder erz-kapitalistische Macher zustimmen (wahlweise auch übersetzt zu: "von nix kütt nix" oder ähnlich).
Aus der "feinen" Sprache der Wissenschaft übersetzt, heißt das: Solange nur geschwafelt wird, ist jede Absonderung auch größten Blödsinns möglich und hängt zu großen Teilen von den Zielen des Absonderers sowie der Dummheit und Langmut des Publikums ab. Wenn man aber etwas Reales erreichen möchte, muß man bei aller Verschiedenheit möglicher Herangehensweisen die Dinge ausreichend verstehen, wie sie wirklich sind.
Das gleichzeitige Gelten einer Tatsache und ihres Gegenteils ist alleine schon logisch unmöglich und darum ein absolut sicheres Zeichen, daß man sich gerade mit purem Bullshit beschäftigt. Denn daraus wäre alleine mit der logischen Implikation (Wenn-/Dann-Beziehung) streng logisch alles Beliebige und sein Gegenteil folgerbar - es gäbe also überhaupt nichts ojektiv Feststellbares mehr. Damit würde dann aber auch jede Tätigkeit, die sich mit dem Herausfinden objektiver Zusammenhänge beschäftigt, unsinnige Mühe sein, genauso wie eine Kommunikation zwischen Menschen über ein gemeinsames Thema, da ja eh jeder in seiner selbst-gestrickten Phantasie-Welt gefangen wäre, die er sich nach Gutdünken selber zurecht spinnen kann.
Genau diesem Zweck dienen solche "philosophischen" Schulen auch, sie sollen die Massen soweit vereinzeln und verdummen, so daß sie ihre einzige Möglichkeit zu gesellschaftlicher Stärke, nämlich das solidarische Vorgehen gegen Mißstände, vergessen. Gleichzeitig wird mit dem völlig abwegigen Anspruch auf beliebig viele individuelle Wahrheiten das Potential gegeben, Alle gegen Alle aufzuhetzen, da jede Suche nach etwas Objektivem (also insbesondere auch der genauen Definition, Erkennung und Veränderungs-Notwendigkeiten gesellschaftlicher Mißstände) angeblich gegen die "individuelle Freiheit" verstoßen soll.
Das Ende ist dann, daß irgendwelches Gefasel von unbewiesenen Dingen anderen Leuten mit Blasphemie-Paragraphen, Inquisition, Scharia oder sonstigen Willkür-Praktiken nur auf der Grundlage eines Postulates eingeprügelt wird, Hexen-Verbrennungen, Menschen-Opfer und Kreuz-Züge natürlich eingeschlossen - alles im Sinne der "Notwendigkeit" der Dogmen irgendwelcher Priester, Gurus, Scharlatane und "Hütern der Freiheit" (wie derzeit z. B. in Guantanamo).
Die scharfe Zurückweisung beliebiger "individueller Wahrheiten" heißt keineswegs, daß es nicht wirklich auch
- gravierende Wahrnehmungs-Unterschiede gibt, genauso wie
- sehr große Entscheidungs-Unsicherheiten mangels ordentlicher Kriterien oder
- ausreichenden Verständnisses einer Gegebenheit oder
- nur schwer gegeneinander ausbalancierbare individuelle Interessen eine Rolle spielen.
1) Die Wahrnehmung ist z. B. schon aufgrund unterschiedlicher Sinnes-Organe unterschiedlich. Beispielsweise sehen manche Lebewesen viel mehr Farb-Bereiche als der Mensch und manche Menschen sehen nicht alle bei Menschen üblichen Farben. Die genaue physiologische Stärke verschiedener Farbreize und ihrer stimulierenden Wirkung ist auch bei normal-gesunden Menschen unterschiedlich.
Für solche Fälle muß man in der Tat erst einmal die individuellen Unterschiede in häufig sehr komplexen und nicht gerade anschaulichen Normalisierungs-Vorgängen objektivieren. Um einen Eindruck vom Aufwand zu bekommen, lese man beispielhaft nur mal bei Farb-Modellen nach, wie schwierig ihre Definition ist und welche Einschränkungen sie haben und welche Dinge sie bewußt offen lassen. Solche konsolidierten Modell-Bildungen sind aber aller-normalste Vorgehensweise in Wirtschaft, Wissenschaft, Recht und Politik (so man es dort möchte).
Nach einer genauen Aufstellung sinnvoller Modelle bleiben niemals alle Schlüsse möglich, sondern nur die richtigen. Es kann aber sehr gut sein, daß ein Modell viele Fragen gar nicht beantworten kann und will. Diese sind dann mit diesem Modell eben nicht objektiviert worden, was aber nicht heißt, daß sie nicht auf andere Wege objektivierbar sind.
2) Bei unbrauchbaren Kriterien für eine nicht direkt, sondern nur mittelbar fällbare Entscheidung, muß solange an den Kriterien gearbeitet werden, bis sie brauchbar sind. Eine Entscheidungs-Begründung ist mit schlechten Kriterien mindestens so schlecht wie die Kriterien, oft noch schlechter (bezogen auf die Schlußfolgerungs-Qualität, nicht auf die möglicherweise zufällig doch ganz gut ausfallende Einzel-Entscheidung; da schlechte Kriterien gut und schlecht, bzw. wahr und falsch kaum vernünftig trennen, können im Einzelfall nämlich auch gute Entscheidungen entstehen, was aber dann kein Verdienst der Kriterien ist sondern Glück).
3) Bei mangelhaftem Verständnis der Sache muß vor begründeten Entscheidungen die Sache mehr untersucht werden. Wenn aus übergeordneten Gründen eine schnelle Entscheidung auch unter großer Unsicherheit zu fällen ist, so muß man das tun, indem man den Mut dazu findet (insbesondere mit ungewünschten Konsequenzen leben zu müssen) und sich klar zu einer vagen Entscheidungs-Grundlage bekennt, statt pseudo-objektive Fadenscheinigkeiten zur Begründung hervor zu quälen.
4) Im Falle nur schwer objektiv abwägbarer Interessen, sind politische Kompromisse, Minderheiten-Schutz, Abstimmungen etc. durchaus sinnvolle Möglichkeiten - aber eben nicht für jede beliebige Tatsachen-Feststellung. Wenn eine Sache mit sinnvollem Aufwand objektivierbar ist, so ist der begründete Schluß einem nur als Hilfsmittel der letzten Wahl genutzten Prozedere vorzuziehen.
Die Oberschicht setzt übrigens ihre Weltsicht entgegen allerlei Öffentlichkeits-wirksam publik gemachtem "Freiheits"-Gesäusel zumindest in den zentralen Punkten ihres Herrschafts-Erhaltes ziemlich rigoros durch. Das beginnt mit einigermaßen strengen Regimes an "Elite"-Schulen und -Universitäten und der Sozialisierung in der Karriere, wo selbst kleine Abweichungen größere Nachteile bringen können, und geht über die gigantischen Staats-Apparate, die in extrem viele Angelegenheiten des Lebens bis in haarfeine Details eingreifen.
Wer in Anbetracht so vieler Argumente für objektive Gegebenheiten zu einem subjektivistischen Weltbild neigt, hat schon ein individuelles Wahrnehmungs- und Verarbeitungs-Problem, was er ja beim Scheitern seiner Versuche in der realen Welt etwas zu bewirken auch hinreichend oft feststellt. Diese Widersprüche des Scheitern in der realen Welt bei realen Dingen werden dann für gewöhnlich "gelöst", indem Kriterien und Wahrheits-Begriffe bis zur totalen Schwammigkeit aufgelöst werden - und am Ende Alles als zu einer Glaubens-Frage erklärt wird, womit die Welt nicht mehr geändert werden muß, sondern nur noch die innere Ansicht derselben.
Das nenne ich schon mit vollem Nachdruck 'Gespinne' und wenn man darauf beharrt, ist man ganz fix geistig kaum weiter als die Urmenschen, die zusammen mit dem Schamanen Menschen-Opfer brachten, um die "Götter" für irgendwas gnädig zu stimmen.