Ein Artikel aus der FAZ
Ein Grund mal ehrlich über vieles nachzudenken.
Spielsucht
Klick um Klick ins Unglück
Von Sabine Löhr
19. Juni 2005 Regungslos starrt sie auf den Bildschirm. Zwinkern darf sie nicht. Morgens um vier hat das Stilleben „Madonna mit Laptop” nur einen kleinen Fehler: Der rechte Zeigefinger bewegt sich. Im Sekundentakt hämmert er auf das Touchpad - und treibt Charlotte Bender (Name geändert) in den Ruin. „Ich lag im Bett und wußte schlagartig, auf welcher meiner 15 Kreditkarten wieder Geld war”, erzählt die ehemalige Dozentin einer Sprachschule. „Also stand ich auf und spielte.” Eineinhalb Jahre lang, dann hatten die Onlinecasinos ihr 70000 Euro Schulden und die Privatinsolvenz gebracht.
Was Charlotte spielen nennt, könnte eigentlich kaum öder sein. Kein Blackjack oder Roulette mit Klaviermusik, Croupier und gutgekleideten Mitspielern verleiht ihrem Spiel Flair. Charlotte hat sich ganz allein und zu Hause in das Automatenspiel verliebt.
Bis zu 140 000 Spielsuchtgefährdete in Deutschland
Das funktioniert im Internet seit Ende der neunziger Jahre wie in jedem normalen Casino auch: Man füttert den (virtuellen) Automaten mit Geld - meist über Kreditkarte oder Zahlungssysteme wie Neteller - und startet das Spiel. Freundliches Blinken, drei Walzen drehen sich, bleiben stehen. Dann ist das Geld meistens weg. „Falsch! Bang, bang, bang, dreimal die Sieben, Jackpot!” Die achtunddreißigjährige Germanistin schlägt rhythmisch auf den Tisch. Ihr Aschenbecher wackelt, eine schwarze Strähne löst sich aus den hochgesteckten Haaren. Träume einer Spielsüchtigen.
Bislang hieß es, 90 Prozent der pathologischen Spieler seien Männer. Nach den notorischen Daddeldaddys erreicht nun aber die Vorhut einer neuen Generation von Spielsüchtigen die Beratungsstellen: Besserverdiener beider Geschlechter mit Internetanschluß.
Verläßliche Zahlen gibt es kaum. Das Marktforschungsinstitut Datamonitor schätzt, daß 2005 über 15 Millionen Menschen weltweit regelmäßig in Online-Casinos spielen werden. Wie viele süchtig werden, ist unklar. Das Jahrbuch Sucht 2005 geht von bis zu 140000 Spielsuchtgefährdeten in Deutschland aus, bezogen auf alle Formen des Glücksspiels. „Der Boom kommt erst noch. Denn das Stimulations- und Suchtpotential in diesen Online-Casinos ist enorm”, warnt Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht in Unna.
Die Hemmschwelle fällt weg
Bei ersten Demospielen liegen die Gewinnquoten oft bei irrealen 120 Prozent. Klassisches Anfixen. Gefährlich ist das virtuelle Hasardieren vor allem, weil es schnell, bargeldlos und jederzeit verfügbar ist. Einsatz, Spiel, Ergebnis folgen einander im Sekundentakt - je schneller der Finger klicken kann, um so höher die Stimulation, um so rascher der Rausch. „Das muß so schnell gehen, daß ich nicht mehr denken kann. Bis ich völlig weg bin”, erklärt Charlotte.
Mit scheinbar virtuellem Geld spielt es sich in dieser hohen Frequenz zudem anders als mit Münzen und Scheinen. „Da steht der Zähler mal auf 9000 Euro plus und dann plötzlich irgendwie auf 2000 minus.” Da macht man natürlich weiter. Theoretisch kann man sich den Gewinn ausbezahlen lassen, erhält dann einen Scheck aus Antigua oder auch Beirut; die meisten Online-Casinos haben dubiose Lizenzen. Und eine gemeine Sperrfrist: 48 Stunden lang muß man das Geld auf dem Casinokonto stehenlassen, bevor es ausbezahlt wird. „Und das hält sowieso kein echter Spieler aus”, weiß Charlotte.
Was das Online-Zocken vor allem für Frauen attraktiv zu machen scheint, ist die ständige Verfügbarkeit in der Geborgenheit der eigenen vier Wände. Die Hemmschwelle, allein in Casinos oder Spielhöllen zu gehen, fällt damit weg.
„Meine These: Ich spiele, um zu verlieren”
Bei allein lebenden Einzelgängern wie Charlotte fehlt dazu jede soziale Kontrolle. Als sie Ende 2003 beim Surfen das erste Casino gefunden hatte, war sie fasziniert hängengeblieben. Wann genau sie die Grenze vom Spielspaß zur Spielsucht überschritt, hat niemand bemerkt. Sie selbst weiß nicht, warum sie ausgerechnet dem Spielen verfallen ist. Es hätten genausogut Drogen sein können, spekuliert sie, aber sie wollte sich den Kopf nicht kaputtmachen. „Meine These: Ich spiele, um zu verlieren.” Und vielleicht auch, um die Eltern zu bestrafen. Ausgerechnet das funktionierende Vorzeigekind.
Ursachen kann man auf vielen Ebenen suchen. Eine Spielsuchterkrankung entsteht aus dem Zusammenspiel von verschiedenen biopsychosozialen Faktoren. Zwillingsstudien zeigen zwar, daß pathologische Glücksspieler oft bestimmte genetische Varianten aufweisen, doch gibt es andererseits auch Spielsüchtige ohne diese. Gene scheinen also ein Risikofaktor, aber nicht allein ausschlaggebend zu sein. In Charlottes wohlsituierter Familie sind - zufällig oder nicht - aber doch alle süchtig: die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater sportsüchtig, der Bruder lebt in Spielhallen.
Auf biologischer Ebene vermuten manche Wissenschaftler einen zu niedrigen Serotoninspiegel als Suchtursache. Andere glauben, eine fehlgesteuerte Ausschüttung des Neurotransmitters Noradrenalin verursache die Erregungs- und Impulsstörungen. Schuld könnte auch das Dopamin sein, das das innere Belohnungssystem steuert. Oder die Dopaminrezeptoren. Oder alles zusammen.
Latenteter Masochismus?
„Jeder pathologische Spieler hat seine eigene Spielerkarriere mit ihren individuellen Ursachen”, sagt der Spielsuchtforscher Gerhard Meyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen. „Das kann an Störungen im Belohnungssystem genauso liegen wie an Problemflucht oder einem schwach ausgeprägten Selbstwertgefühl.”
Nicht nur die biologischen Erklärungen, auch die psychologischen Hypothesen variieren beträchtlich. Freud vermutete, masochistische Persönlichkeiten verfielen dem zwanghaften Spielen, weil sie sich die Masturbation versagten.
Zumindest latenten Masochismus unterstellt sich auch Charlotte. Sie sieht eine Parallele in ihrer Fixierung auf die bunt blinkenden Automaten und dem steten schnellen Scheitern ihrer Beziehungen zu schönen, reichen Männern, in denen sie Züge entdeckt, die sie an die Zockermaschinen erinnern - vor allem das unberechenbare Verhalten. „,Ich liebe dich' und das nächste Mal ,Was willst du denn hier?' Einmal belohnt er dich, einmal bestraft er dich.” Freuds Nachfolger dachten dagegen, narzißtische Selbstüberschätzung ließe manchen glauben, er und nur er allein könne den Jackpot knacken.
„Ich leide unter einer Impulskontrollstörung”
Die Behavioristen setzten dann gegen die Psychoanalytiker die Theorie, Spielsucht resultiere aus falsch angelerntem Verhalten: Besonders anfängliche Gewinne würden intern als Belohnung verbucht und stärkten den Wunsch, weiterzuspielen. Jeden Verlust deutet der pathologische Spieler lediglich als untrügliches Anzeichen eines bevorstehenden Gewinns.
Beides hält das Erregungsniveau oben. Anfällig wären demnach Menschen, deren restliches Leben vergleichsweise reizarm ist oder sie zumindest nicht ausreichend stimuliert. „Selbst in meiner aufregendsten Beziehung lagen absolutes Glück und totale Traurigkeit nicht so nahe beieinander wie beim Spielen”, gesteht Charlotte. Gegen den Spielrausch ist Verliebtsein eine Lappalie.
Charlotte, die selbst auch Psychologie studiert hat, folgt in der Einschätzung ihrer Krankheit der Definition der WHO: „Ich leide unter einer Impulskontrollstörung.” Also einer Verhaltensstörung, bei der sich der Betroffene dem Zwang nicht widersetzen kann, bestimmte Handlungen ohne vernünftigen Grund immer wieder durchzuführen. Darunter fallen auch Pyromanie und Kleptomanie. „Ich konnte schon sehr schnell nichts mehr gegen den Drang tun.” Schuldgefühle? Schon, aber die schwanden bald, genauso wie alle Bedürfnisse außer dem Spielen. Ihre Familie will das alles nicht wissen, da heißt es nur: „Wie kann man so blöd sein?” Thema vom Tisch.
Ein Medikament macht Hoffnung
Eine Krankheit, die man als Sucht oder Verhaltensstörung begreifen kann, vielschichtige Ursachen, eine Patientin ohne stützendes soziales Umfeld - das macht die Behandlung nicht leicht. Eine Standardtherapie gibt es nicht. Manchen Spielsüchtigen helfen Medikamente, etwa Antidepressiva wie Clomipramin oder Lithium. Warum sie helfen, weiß man nicht. Ausprobiert hat man sie lediglich, weil pathologische Spieler oft noch unter einer weiteren psychischen Störung leiden, etwa Depression. Entsprechende Studien berücksichtigen oft nur wenige Probanden. Wenn von sechzehn Süchtigen sieben suchtfrei bleiben, ist es kaum gerechtfertigt, die Erfolgschancen zu verallgemeinern.
Hoffnung macht ein Medikament, das eigentlich zur Behandlung Alkoholsüchtiger entwickelt wurde: der Opiatblocker Nalmefene der finnischen Firma Biotie. Nalmefene soll verhindern, daß während des Spielens ausgeschüttete Endorphine an die Opiatrezeptoren andocken können. Wenn Spielen kein euphorisches Seelenhoch mehr auslöst, soll das Verlangen danach automatisch verschwinden. Klinische Tests laufen, Nalmefene könnte Ende dieses Jahres das erste gegen Spielsucht zugelassene Medikament sein. In Amerika wird es gespannt erwartet, in Deutschland ist man skeptisch.
„Ein Drittel ist nicht therapierbar”
Auch Charlotte versucht es lieber ohne Medikamente. „Nach einem Jahr Zocken war ich am Ende. Ich konnte an nichts anderes mehr denken.” Da fuhr sie in eine Beratungsstelle für Suchtkranke und gab ihren Laptop ab. Wie ein Alkoholiker die Schnapsflasche. Sie kaufte sich einen neuen Laptop. Gab ihn wieder ab. Spielte an echten Automaten. Ließ sich freiwillig in allen deutschen Casinos sperren. Versuchte es in einer Selbsthilfegruppe. Als ein Suchtberater ihr eröffnete, bei ihr helfe nur eine stationäre Therapie, war sie außer sich: „Ich will doch eigentlich gar nicht aufhören zu spielen.” Von zehn Süchtigen, die ein Treffen der Anonymen Spieler besuchen, kommt nur einer ein zweites Mal.
Nächste Woche will sie es dann doch versuchen. Acht Wochen in einer Suchtklinik, trotz ihres Horrors vor Zweibettzimmern und Zwangsjoggen. Der Rest aber wird ihr helfen, ihr Leben umzupolen: Psychoanalyse, Gruppengespräche, Geldmanagement, Verhaltenstherapie. Und die Erfolgsaussichten? Suchtforscher Meyer erklärt als Faustregel: „Ein Drittel wird abstinent, ein Drittel bessert sich. Ein Drittel ist nicht therapierbar.” Charlotte ist zuversichtlich. Trotzdem: „Wenn Sie mir jetzt 5000 Euro geben würden, wäre ich schon längst weg. Spielen.”
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.06.2005, Nr. 24 / Seite 69
Bildmaterial: dpa