....aus der heutigen heise.de Ausgabe:
Warnung vor der Zinswende
Rainer Sommer 12.06.2006
Die Situation sei heute ähnlich wie in den späten 80er Jahren – nur schlimmer, warnt der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Die Weltwirtschaft müsse sich nun auf harte Zeiten einstellen
Selbst wenn angesichts der jüngsten Börsenturbulenzen sicheren Staatsanleihen von den Analysten wieder einige Gewinnchancen zugebilligt werden, sollte man sich nicht täuschen: Nach mehr als 10 Jahren mit sinkenden Langfristzinsen könnte die Weltwirtschaft jetzt mitten in einer epochalen Trendwende stecken, das befürchtet (1) jedenfalls Malcolm D. Knight, der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (2) (BIZ), der "Zentralbank der Notenbanken". Ob USA, Kanada, Euroland, GB oder Australien, überall erreichten die langfristigen realen Zinssätze innerhalb des letzten halben Jahres neue und teilweise absolute Tiefststände - und drehten dann aber nach oben. Verwunderlich – "Conundrum" (Rätsel) nannte das der frühere FED-Chef Alan Greenspan vor gut einem Jahr - ist dabei vor allem, dass diese Trendwende nun so spät erfolgt, denn schon lange zuvor zeigten die Inflationsraten dank steigender Rohstoff- und Energiepreise in allen diesen Ländern Anzeichen für eine Beschleunigung. Und die kurzfristigen Zinsen im Dollar bewegen sich nun schon seit bald drei Jahren sukzessive nach oben. Erfolgt diese Zinswende jetzt aber tatsächlich, dann werden die Karten in der Weltwirtschaft neu gemischt und die aktuell große Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten würde sich wohl hauptsächlich damit erklären.
Da sich Investitionsentscheidungen von Unternehmen wie Haushalten überwiegend an den langfristigen Zinsen orientieren, sind diese für die Konjunktur wesentlich wichtiger als die kurzfristigen Sätze. Aber während die Notenbanken die kurzfristigen Zinsen nach Belieben festsetzen können, bewegt sich der langfristige Zins spiegelbildlich zu den Kursen an den Anleihemärkten und wird von den dort herrschenden Verhältnissen von Angebot und Nachfrage bestimmt. Ein weiterer wesentlicher Aspekt dieser Frage sind zudem die "Spreads", die Aufschläge, die für höhere Risiken als jene von AAA-Staatsanleihen bezahlt werden müssen. Denn nicht nur die (abgesehen von der Inflation) risikolosen Benchmark-Zinsen der Staatsanleihen waren lange Zeit extrem niedrig, sondern auch die Risiko-Aufschläge für Anleihen von Privatunternehmen und für Staatsanleihen aus den Emerging Markets.
Kurz vor dem jüngsten Mini-Crash an den Aktienmärkten war schon an den Währungsmärkten Hektik ausgebrochen. Von unter 1,22 war der Euro von Mitte April bis Anfang Mai fast schon bei 1,30 Dollar gelandet. Dann äußerten Thierry Breton, der französische Finanzminister, sowie einige Ministerkollegen und Euro-Notenbanker, dass ein Kurs von 1,30 zum Dollar zwar noch keine Sorgen bereite, aber doch eine Schmerzgrenze darstelle; dann verbreitete am 14. Mai der britische Observer, dass der Internationale Währungsfonds die wichtigsten Notenbanker und Finanzminister an einen Tisch gebracht hätte, woraufhin die Forex-Trader aus Angst vor überraschenden Notenbank-Interventionen ihre Positionen glattgestellt und Kasse gemacht hätten, wie Forex-Trader berichteten. Daraufhin zog der Dollar wieder etwas an, wozu auch die Turbulenzen an den Aktienbörsen beigetragen haben dürften. Denn die darauf folgenden, zum Teil panikartigen Einbrüche an den Aktienbörsen fielen umso schwerwiegender aus, je mehr die jeweiligen Märkte als riskant galten, so dass vor allem die Emerging Markets getroffen wurden. Einerseits wurde dann Geld aus Emerging Market-Anlagen in Dollar umgeschichtet, andererseits wurden auch die vergleichsweise sicheren Anleihen-Märkte als ‚sichere Häfen' interessant, und die langfristigen Zinsen begannen wieder zu sinken.
Aber selbst wenn angesichts der jüngsten Börsenturbulenzen die langfristigen Staatsanleihen (die die Benchmark für den nominellen Langfristzins bilden) vermehrte Nachfrage erfahren sollten, recht viel tiefer können sie kaum noch fallen, meint Knight und fürchtet, die Realzinsen könnten bereits in einen Aufwärtstrend eingeschwenkt sein. Das sei die "Schlüsselfrage in diesem kritischen Moment", bemerkte der gelernte Wirtschaftsprofessor vor kurzem bei einem Referat in Bratislava, wo er in aller Deutlichkeit ein Szenario entwickelte, wie es sonst nur von kritischen Websites wie Prudent Bear (3) und Daily Reckoning (4) gezeichnet wird. Als ehemaliger Vizegouverneur der Kanadischen Nationalbank übte er sich dabei zwar in Vorsicht und Relativismus und beherzigte auch die Notenbanker-Grundregel, dass unangenehme Dinge frühestens mittelfristig geschehen würden, sein Szenario beinhaltet aber dennoch einige höchst besorgniserregender Aspekte.
Vorweg versuchte er sich jedoch noch an einer "Lösung" des Greenspanschen "Conundrum", warum die langfristigen Zinsen so lange immer weiter zurückgegangen waren, obwohl Greenspan die kurzfristigen Zinsen damals schon seit fast zwei Jahren nach oben geschraubt hatte. Knight identifiziert vier wesentliche Faktoren, die für das Sinken der Realzinsen verantwortlich gewesen sein könnten.
Knight beginnt mit den deutlich gesunkenen Inflationsraten in den Industrieländern. Diese hätte 1990 mit fünf Prozent einen Höhepunkt erreicht und liegen seit 1996 im Schnitt überall unter 2,5 Prozent. Gleichzeitig haben sich auch deren Volatilitäten erheblich verringert, was auch die Risikoprämien stark reduziert habe.
Der zweite Faktor, dem Knight zudem zutraut permanente Wirkung zu entfalten, ist im Aufkommen von Finanzmarktinstrumenten begründet, die einen Risikotransfer ermöglichen. Die dadurch stark verbesserten Möglichkeiten der Diversifizierung habe die aggregierten Portfolio-Risiken vieler internationaler Finanzmarkt-Spieler reduziert, was deren Nachfrage nach Anlagen mit höheren Risiken gesteigert habe. Diese Nachfrage habe wiederum deren Preise nach oben getrieben – und die realen Renditen des bestehenden Kapitalbestandes nach unten gedrückt.
Als dritten und "wichtigen" Grund für die niedrigen Realzinsen nennt Knight die steigende internationale Sparneigung, die "global savings glut", wie FED-Chef Bernanke sie nennt. So sei die weltweite Sparquote in den späten 80er und frühen 90er Jahren aufgrund hoher Energiepreise und geringem Wachstum deutlich gesunken, ab 1993 aber graduell, ab 2002 sogar sehr stark angestiegen.
Ein letzter wesentlicher Grund ist für Knight zudem das ab 1997 relativ zum nominellen Weltsozialprodukt deutlich steigende Kreditvolumen. Bis dahin hätten sich die G3-Zentralbank-Geldmenge (Monetary Base), breitere Geldmengenaggregate sowie die Kredite an den Privatsektor mehr als eine Dekade lang in etwa im Gleichschritt mit dem Wachstum des weltweiten Sozialproduktes bewegt, waren danach aber allesamt viel schneller gewachsen. Durch den schrittweisen Eintritt großer Länder wie Indien, China und Brasilien in die Weltwirtschaft wurden Löhne und Preise in den Industrieländern aber gedämpft, so dass die steigende Geldmenge nicht zu Inflation, sondern zu sinkenden Realzinsen geführt habe. Dies könnte der wichtigste Faktor gewesen sein, meint Knight, doch würde dies bedeuten, dass die Zeiten niedriger Langfristzinsen tatsächlich enden müssten. wenn die internationalen Notenbanken die Zinsen anheben – was derzeit ja geschieht.
Um nun herauszufinden, was die Umkehr des Zinstrends bedeuten würde, analysiert Knight die Folgen der niedrigen Zinsen, die mit steigenden Zinsen eben obsolet werden sollten - und das waren für ihn vor allem die stark gestiegenen Preise für Rohstoffe und Wohnimmobilien (vor allem USA, UK, Australien, Spanien, Frankreich) sowie die sinkenden Risiko-Spreads bei europäischen und amerikanischen Unternehmensanleihen und bei Staatsanleihen aus den Emerging Markets, die seit Mitte 2002 stark zurückgegangen waren.
Während die Finanzmärkte selbst Knight zufolge der Zins-Trendwende durchaus gewachsen wären – jedenfalls wenn die Preisänderungen nicht allzu abrupt erfolgen –, hätte die Realwirtschaft mit gravierenden Folgen zu rechnen. Gleich dreifach betroffen wären dabei die Haushalte, die ihre Verschuldung im Schnitt erheblich gesteigert haben, während die Zinsbelastungen dank niedriger Zinsen in Summe konstant geblieben oder sogar geringfügig zurückgegangen sind.
This suggests that as interest rates have declined, households have been able to borrow more without devoting a larger share of their income to debt servicing. What sort of risk does this increased leverage of the household sector pose for financial stability? What would happen if interest rates rose sharply? Probably there is not much risk to broader financial stability. But two strong negative effects would operate over the medium term.
Knight
Das Finanzsystem sei wahrscheinlich nicht gefährdet, meint Knight, aber die Nachfrage nach Wohnimmobilien würde sinken und so deren Preise, und das würde den Bausektor und die Gesamtwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Da Kredite, zuletzt vermehrt mit variablen Zinssätzen vergeben, bei steigenden Zinsen die real verfügbaren Einkommen mindern und durch das Wegfallen des "wealth effekt" (steigender Konsum/sinkende Sparquote durch steigende Marktwerte von privatem Vermögen wie Wohnimmobilien und Aktien) würde mehr gespart und weniger konsumiert werden. Der private Konsum würde somit auf dreierlei Arten gedämpft, und das werde Knight zufolge ein gravierendes, weltweites und zugleich dauerhaftes Problem darstellen.
Die steigenden Realzinsen könnten aber noch eine weitere globale Dynamik entfesseln. Das kumulierten Leistungsbilanzdefizit der USA seit dem Jahr 2000 von rund drei Billionen Dollar entspricht den in diesem Zeitraum entstandenen Dollar-Verbindlichkeiten von US-Ansässigen bei den Überschussländern. Mit der Zinswende würden die ausländischen Gläubiger, die jeden Werktag gut 2,5 Mrd. Dollar vergeben müssen, um das US-Defizit auszugleichen, allerdings weniger gewillt sein, die USA weiter zu finanzieren. So würde mit der Wachstumsverlangsamung das Kreditrisiko stärker beachtet werden, Anleger würden zudem Kapitalverluste auf ihre bestehenden Anlagen verbuchen und ihr Dollar-Engagement zurückfahren. Außerdem würden die Anleger erwarten, dass die kurzfristigen Dollar-Zinsen konjunkturbedingt wieder gesenkt werden, was Knight zufolge den Dollar schwächen und die langfristigen Real- und Nominalzinssätze zusätzlich steigern würde. Dadurch steigt auch der Zinsdienst der USA, was das Leistungsbilanzdefizit weiter erhöht, was wiederum die Finanzierungsbereitschaft des Auslandes senkt usw.
Overall, there is, to my mind, a risk that a rise in long-term interest rates, particularly if associated with a slowing of the global economy, might trigger a general readjustment of exchange rates, including a marked decline in the real effective exchange rate of the US dollar. These large negative wealth effects would weaken aggregate demand growth in the trade and financial partners of the US, just at the time when the US economy was shifting its productive structure to produce higher net exports.
Malcolm Knight
So könnten die steigenden Realzinsen eine generelle Neuadjustierung der realen Wechselkurse, also eine massive reale Dollarabwertung mit stark negativen Wohlstandseffekten, auslösen. Das würde die Nachfrage bei den Finanz- und Handelspartnern der USA aber genau zu einem Zeitpunkt dämpfen, an dem die USA ihre Wirtschaftsstruktur verändern, um die Exporte zu steigern.
Insgesamt ähnle die aktuelle Situation der zweiten Hälfte der 80er Jahre, sagt Knight, nur sei es heute schlimmer: Das US-Leistungsbilanzdefizit und die wahrscheinliche Anpassung seien größer und der Schuldenstand sei höher. Außerdem wären die öffentlichen Finanzen der USA heute schwächer als in den 80ern, die industrielle Basis der USA sei kleiner, die auf Exporte umstellen könnte, und der sinkende Dollar könne einen sehr stark negativen Wohlstandseffekt auf die restliche Welt ausüben.
Knight erwartet nun höchst "herausfordernde" Zeiten, die sofortige und konzertierte Maßnahmen in den Überschuss- wie in den Defizitländern erfordern, wobei aber dennoch in den nächsten Jahren mit einigen weltweiten Wachstumsschwachen zu rechnen sei. Eine Schande wäre es jedoch, so Knight, wenn dies nun zu Protektionismus und etwa zum Scheitern der Doha-Runde und des gemeinsamen europäischen Marktes führen würde.