Na, ob ich einen eigenen Thread verdient habe, weiß ich nicht, weder im Guten noch im Schlechten. Vielleicht könnte ja ein Titel "Kontroversen zu Trading-Ansätzen" o. ä. das Thema offener gestalten.
Ich oute mich auch nochmals, für die, die meine früheren Artikel nicht gelesen haben. Ich habe Informatik und im Fernstudium später BWL (aus Interesse, nicht aus Karriere-Notwendigkeit) studiert. Beruflich beschäftige ich mich nach einigen post-studentischen Uni-Jahren mit der Einsatz-Planung und Beratung zu heterogenen IT-Systemen und Massendatenverarbeitung inklusive des Einsatz-Umfeldes und der Koordinierung im Fehlschlagen begriffener Projekte in der Eskalationsphase (was bei den heutigen Projekt-Budgets leider eher die Regel als der Sonderfall ist), bin daher heutzutage eher allgemeiner Unternehmensberater als IT-Berater. Dabei geht es kaum um die eigenen Leistungen als vielmehr um die Koordination diverser Projekt-Beteiligter und der Moderation von aus Interessen-Konflikten herrührenden meist nur scheinbar "technischen" Problemen.
Bei aller nötigen Diplomatie müssen da auch Fakten geschaffen werden, die selten ungeteilte Begeisterung bei allen Beteiligten auslösen und das Wort "konfliktscheu" steht bestimmt nicht in meinem Werbetext, "Konflikt-Lösung" schon. Das Vertuschen kontroverser Positionen gehört bei aller Konsens-Suche nicht zum Arsenal einer wirklichen Konflikt-Lösung, da Vertuschtes weiter schwelt, das Moderieren, die Neubewertung von Positionen, das Herausarbeiten von Konsens-Punkten und das Abtrennen verbleibender Unstimmigkeiten schon.
Wie das bei alten Herren so kommt, die was an die Jugend weitergeben sollen, spielt auch die Nähe zum Universitären wieder eine größere Rolle, wobei fraglich ist, ob das bei den heutigen Zuständen im Bildungswesen (insbes. der bisher schwer misratenen Umstellung auf den Bachelor, der Personalpolitik und den viel zu geringen Budgets für eine besonders existenzwichtige Aufgabe der Nation) eher Segen oder Fluch ist.
Da im Beratungs-Bereich schon allgemein ganz gut verdient wird, als Träger von etwas Erfahrung und spezifischem Know-How noch mehr und die Branche in der "New Economy" eine exorbitante Sonderkonjunktur hatte, konnte es kaum ausbleiben, daß schon relativ früh etwas Kapital zur Verfügung stand, welches ich aus ausgesprochenem Mißtrauen in die Kompetenz vermeintlicher Fachleute niemals Anderen zur Verwaltung überlassen wollte. Dabei habe ich mit Optionscheinen angefangen zu traden und durch glückliche Fügungen und ganz bestimmt nicht durch großes Wissen Geld verdient. Insbesondere war das Risiko-Management so in etwa auf die Faustregel beschränkt, nie mehr als die Hälfte des Geldes zu verlieren. Aus heutiger Sicht war das kein bißchen seriöses Trading, sondern Glück mit "der Flut, die alle Schiffe hob".
Unter meinen Erfolgen habe ich eher sogar gelitten, da ich ganz akademisch "versaut" einen Widerspruch zwischen den objektiv eingetretenen erheblichen Vermögenszuwächsen und der Theorie effizienter Märkte sah. Auch wenn alle Menschen letzlich am Finanzmarkt Geld verdienen wollen, war ich darauf eher nicht wrklich angewiesen, da eine Beratungsfirma mit einer Reihe von Mitarbeitern Gewinne erwirtschaftet, die eher unglaublich und möglicherweise auch unanständig sind, insbesondere wenn man sie mitsamt Mitarbeitern an frühere Kunden überleitet zu einer Zeit, als Good-will wohl etwas überbewertet war.
Eher um diesen Widersprüchen zu zu entkommen, habe ich mich seit etwa 1999 recht intensiv mit der Theorie der Finanzmärkte beschäftigt, wobei ich im etablierten Bereich wenig Brauchbares fand. Im Mainstream werden zuweilen völlig unbrauchbare Axiome angesetzt und das fällt auch jedem halbwegs intelligenten Menschen bei der Beschäftigung damit recht schnell auf, wenn man die richtigen einfachen Fragen stellt. (Fragen mich sogar BWL-Studenten, dann kann es wirklich nicht so genial sein.) Daher habe ich mich für das objektiv Beobachtbare ohne fragwürdig begründete Theorien entschieden, das war Statistik und Chaos-Theorie, wobei ich zugebe, da nur eher unbedarfter Anwender zu sein und die Methoden, wie sie von den Methoden-Sammlungen vorgegeben werden, nur benutzt werden, ohne daß ich einen Anspruch auf überbordendes mathematisches Verständnis lege (wenngleich ich in jungen Jahren mal mathematische Logik, ja sowas gab's mal als Studiengang, studieren wollte, und mir auch als Informatiker im Umfeld der Künstlichen Intelligenz recht abstrakte Dinge eingezogen habe).
Ich habe niemals behauptet, daß man zum Trading theoretische Untersuchungen durchführen muß, die übrigens mit der heutzutage verfügbaren, vielfach sogar kostenfreien Software (z. B.
R) gar nicht unendlich mühevoll sind. Ich glaube aber, daß sie auch Leuten, die solche Methoden weniger mögen, helfen können.
Die Backtest-Fraktion unterscheidet sich beim Optimieren von System-Parametern im Nachhinein von der Statistik-Fraktion übrigens darin, daß sie mit der erstmaligen Quantifizierung deutlich später beginnt, nämlich nach der Codierung.
Ohne jeden Zweifel bin ich aber davon überzeugt, daß man zum Trading Zeit und Mühe aufbringen muß, egal ob es um das Durchführen eigener Studien zum Markt, das Entwerfen und Kodieren eigener Programme, das Lesen von Literatur oder schlicht zum Antrainieren des geübten Auges auf den Chart ist. Das angeborene Naturtalent vom Typ "Kam-sah-und-siegte" wird eher die ganz große Ausnahme sein.
Weiterhin bin ich der festen Überzeugung, daß erfolgreiches Trading viel weniger theoretische Fähigkeiten als praktische Fertigkeiten, also den fast unterbewußten Abruf von schon vielmals abgearbeiteten Zusammenhängen erfordert. Das wirklich tiefgreifend eklige Gefühl gerade viel Geld zu riskieren und trotzdem die Ruhe zu bewahren, im Wissen, das Richtige zu tun, hat gar nichts mit der Theorie zu tun, sondern kann nur trainiert werden, was je nach Persönlichkeit schneller, langsamer oder gar nicht geht.
Ganz im Gegensatz zu dem von den Meisten erwarteten Habitus eines gesetzten Akademikers bin ich da eher sehr wagemutig und habe mich erst im Laufe der Jahre diszipliniert. Angst die Tasten zu drücken hatte ich eher selten (abgesehen von einer mehrjährigen Futures-Pause, wobei ich sowieso lieber Optionen handele). So bin ich übrigens auch als Unternehmer oder Budo-Sportler (2. Dan Judo und etwas geringere Erfahrung in anderen Budo-Sportarten).
Seine Gefühle zu beherrschen, muß wieder und wieder trainiert werden. Wenn mir von vertrauten Leuten versichert wird, daß einige Leute hier im Board schon bei einstelligen CFD-Positionen das ganz große Nervensausen kriegen (obwohl ihre Vermögen objektiv ein Vielfaches ermöglichen würden), dann will ich mal wissen, wie das mit mehreren Futures, vielleicht noch Overnight und dann vielleicht noch ganz rasanten Dingern wie dem VIX (obwohl der wegen starker Anti-Persistenz bei richtigem Verständnis gar nicht so schlimm ist) ausgehen soll. Die würden ja im Schlaf sterben vor Angst. Da ich schon mal über die VIX-Eröffnung zum von mir gestellten Kurs schrieb und der erschwerend auch nur 1/3 des Tages gehandelt wird, habe ich das offenbar ganz gut im Griff, vielleicht schon fast in einer Art Ataraxie.