Auch für strenge Verfechter marktwirtschaftlicher Positionen mit ausreichendem Wettbewerb sollte offenkundig sein, daß das System der privaten Krankenkassen in D vollkommen ungerecht ist. Eine sachdienliche Analyse muß aber den eigenen Vorteil eines Privatversicherten von einer übergreifenden Systembetrachtung trennen. In der CH ist die Situation aufgrund der geringen Differenzierung der Beiträge nach dem Einkommen ganz anders als in D.
In die privaten Kassen in D werden nur Gesunde zu den regulären Tarifen aufgenommen. Da dadurch deutlich geringere Kosten entstehen, können dann den Ärzten für die anfallenden Behandlungen auch mehr Honorare gezahlt werden, so daß sich das System selbst zu Lasten aller Ausgeschlossenen verfestigt, weil die Ärzte mehr verdienen an Privatpatienten und die Versicherten (zumindest anfangs) weniger bezahlen.
Abschaffen muß man das System vielleicht nicht gerade, aber wenigstens gleiche Ausgangsbedingungen für den Wettbewerb herstellen. Die Verunglimpfung der öffentlich Versicherten als weniger leistungsbereit ist nicht sachdienlich, denn Beamte sind in D in der Regel privatversichert und gerade die haben den höchsten Krankenstand in Tagen, nicht aber die höchsten Kosten für die Kassen, da die fortlaufenden Bezüge vom Arbeitgeber zu tragen sind.
Die fortwährende Erhöhung der Beiträge zum Sozialsystem löst überhaupt keine Probleme. Dazu müßte die Effektivität des Systems erhöht werden. Wenn in den meisten anderen Bereichen eine zunehmende Industrialisierung stattfindet, muß das System niedergelassender Ärzte, die alleine ohne ein kompetentes Umfeld von Kollegen vor sich hinwerkeln als nicht mehr zeitgemäß eingeschätzt werden. Ebenso sind die Kliniken von ineffizienten und schlecht geplanten Abläufen durchzogen. (Weiß genau, wovon ich rede, habe ein größeres Projekt zur Krankenhausverwaltung als Berater begleitet.)
Die Diskussionen zur Kapitaldeckung der Rentenversicherung sind auch nicht so eindeutig richtig, wie sie sich im ersten Moment anhören, denn volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren von den jetzt aktiv Arbeitenden zu den jetzt zu Versorgenden. Das Dazwischenschieben eines Kapitalstocks ändert daran nichts, außer daß die diesen verwaltenden Finanzinstitute zusätzliche Verdienstmöglichkeiten bekommen.
Ob eine Privatisierung die Probleme wirklich löst, muß dahingestellt bleiben, denn wenn die heutigen Berechnungsgrundlagen nicht zutreffen, müssen später ebenso politische Eingriffe erfolgen, um den Zusammenbruch privater Versicherungen zu vermeiden.
Grundsätzlich kann man davon ausgehen, daß in der Privatwirtschaft effizienter gearbeitet wird, aber nicht die Finanzlage der Kassen ist entscheidend, sondern die Effizienz in der finanzierten Leistungserbringung. Gerade mit dieser hat sich aber kein Politiker ernsthaft auseinandergesetzt. Der wichtigste Weg zur Verbesserung der Kostensituation ist die relevante Einbeziehung des Patienten als unmittelbare Kontrollinstanz für die ihm erbrachten Leistungen, die auch eine relevante degressive Selbstbeteiligung an den Kosten erfordert. Solange die in D niemand akzeptiert, wird sich nichts ändern. Da kann man sich z. B. in Frankreich wichtige Anregungen holen, wo die Ärzte nicht so viele Vorteile aus dem System ziehen können.
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